Aus dem Fotografenalltag…

Wir Fotografen und Bilderbastler haben es ja immer so einfach und so toll. So denken wohl die meisten. Jeden Tag wunderschöne Menschen vor der Kamera und das Leben ist eine einzige Party. Jedes Model wird flachgelegt, Orgien sind an der Tagesordnung und wir schwimmen natürlich im Geld da uns ja jeder die Scheine nur so zusteckt. Ich werde mir wohl in nächster Zeit die Wand damit tapezieren. Ich hab sonst echt keine Ahnung wohin damit…

Die Realität sieht allerdings ein wenig anders aus

07:00 Uhr – Der Tag beginnt mit dem üblichen Mails checken, ob mal wieder eine Anfrage dabei ist? Eher selten, jedenfalls bei mir, meist kommt sowas über Facebook oder Instagram. Aber man will ja nichts verpassen.
Kaffee… erst mal einen Kaffee und frühstücken.
So langsam fährt man hoch und kommt auf Betriebstemperatur. Was liegt den so an heute, Moment, Planer schauen. Ach ja, 10:00 Uhr ein Vorgespräch für ein Shooting. Die Kundin wollte es gerne so. Warum auch nicht. Bis dahin kann ich ja schon mal vorbereiten und Papierkram erledigen.

10:00 Uhr – keiner da, na okay, wir warten mal noch etwas. Kann ja im Stau stehen oder was auch immer, manchmal ist es ja auch wie verhext.

10:30 Uhr – noch immer keiner da, mal fix ne Whatsapp-Nachricht geschrieben. Zack gesendet, zugestellt, gelesen, keine Reaktion. So langsam beschleicht mich da so eine Vorahnung aber wir wollen ja immer schön positiv denken!

Während ich warte sortiere ich schon mal die für die Kundin ausgewählten Bilder als Vorschläge, das Licht-Setup habe ich auch extra schon mal am Rechner geplant. Mann hab ich da ewig gefummelt und probiert. 2 Stunden nur um Material und Setup zusammenzustellen. Aber es soll ja auch alles so sein wie sie es sich vorstellt.

11:00 Uhr – Wie ich es befürchtet habe, keine Kundin da, keine Reaktion auf meine Nachricht. Okay, mal wieder versetzt worden. Klasse, dabei hätte ich die verplante Zeit auch anders nutzen können, von der Planung mal ganz abzusehen. So langsam bin ich sauer.
2 Stunden Planung, 1 Stunde sinnlos gewartet. Ob ich ihr das in Rechnung stelle? Warten wir mal weiter ab, vielleicht gab es ja einen dringenden Grund für alles.

12 Uhr – Mittagspause, mir ist der Appetit allerdings vergangen. Ein Kaffee reicht, Kippchen dazu. Natürlich gleich vor dem Rechner. Nebenbei gleich noch ein Bild basteln, Facebook und Instagram wollen ja auch wie das Model von letzter Woche, Bilder haben. Ob das diesmal ankommt oder wollen alle wieder nur Titten sehen? Egal, ich will auch mal anderes machen, Portraitretusche, an diesem Bild sitze ich jetzt schon seit 3 Stunden. Soll ja aber auch nahezu perfekt werden. Am Ende werden es um die 8 Stunden sein die ich an diesem Bild gearbeitet habe. Sehen werden es die wenigsten. Ob ich einfach nur einen Filter drüber knalle? Nein, lieber nicht. Das wäre einfach nur billig.

Kiro, ja, Kiro der „Studiohund“ möchte auch mal raus. Na dann los… Ich hab eh noch ein paar Telefonate zu erledigen. Kann ich ja dabei gleich machen. Um was ging es da, ach so. Wie macht man dies, wie macht man das und „kannste mal“. So langsam sollte ich mal lernen „Nein“ zu sagen.

Mittlerweile ist es 15:00 Uhr, oh eine Anfrage auf Facebook. Na mal schauen, „Dessousshooting, was kostet“ (Originalzitat). Ich bin kurz davor zu schreiben; „kostet Geld“ ich verkneife es mir aber und bleibe höflich und erkläre alles lang und breit was es kostet und was man dafür alles bekommt. Kurze Pause… ach ne, keine Reaktion mehr wie es scheint. Mal das Profil ansehen, hm, nix weiter zu sehen. Also abwarten und warten und warten und ja genau, warten… umsonst?

Während dessen kommt noch eine Nachricht rein. „Du suchst noch ein Model?“ Ähm, ja, suche ich. Hab ja auf Facebook ein Model-Call gepostet. Aufnahmebereich Akt und Teilakt auf TfP-Basis.
Antwort: „Oh, nackt möchte ich nicht, ich wollte Portraits“ Ich danke höflich für das Interesse und lehne ab, Akt ist Akt und nicht Portrait. Noch mal den Beitrag angesehen, doch steht klar da was gesucht wird. Wtf geht in den Leuten vor? Okay, war eh das letzte Mal das ich einen Aufruf poste.

Oh, die Kundin mit der Anfrage hat geschrieben, 165 Euro für ein Shooting ist ihr zu teuer. Okay denke ich mir, dann versuch dein Glück mal woanders. Irgendeiner der nicht davon leben muss wird sich schon finden. Meine Preise stehen jedenfalls fest.
Ich danke ihr dennoch höflich für die Anfrage und bastel weiter an den Bildern vom letzten Auftrag, der muss raus. Eher gibt es ja keine Kohle.

17:00 Uhr – Mails checken, wieder nur Müll. ach ne, ne Rechnung. Verdammt, das wird langsam knapp diesen Monat. Naja, wenigstens hab ich ja noch was zu Essen im Kühlschrank. Also weiter, die Website muss gewartet werden. Ich brauche einen neuen Beitrag. Thema? Mir fällt sicher noch was ein. Ich durchstöber meine Notizen. Ah, genau. Schreib doch mal was über deinen Alltag als Fotograf. Und nun sitze ich hier, schreibe und schreibe und versuche irgendwie zu überleben während die nächste Nachricht kommt. Zitat: „ich dich Kennenlernen wollen, bin Mann komme aus XXXX“ Ein entsprechendes Bild ist auch dabei, naja, jedenfalls ein Teil des „Mannes“
Mittlerweile habe ich davon eine Sammlung, ich schicke ihn ein entsprechendes Bild zurück mit den Worten. „Danke kein Interesse, meiner sieht besser aus.“ Zack Ruhe.
Ich bereite das Model-Shooting vor was dann noch ansteht…

18:00 Uhr – Shootingtime mit einem Model. Ich bin eigentlich genervt und angefressen vom Tag. Freue mich aber dennoch auf verlässliche Models und Kunden. Ich hab zwar keinen Euro verdient heute, aber dafür gibt es gleich wieder feine Bilder. Auch für dieses Shooting habe ich ein wenig geplant, Setup, Outfit und so weiter. Alle zufrieden gestellt…

23:00 Uhr – FERTIG, ich bin breit und mit den Bildern zufrieden. Das Model auch. Vielleicht kommt durch das neue Material doch wieder der eine oder andere Auftrag der mich über den Monat kommen lässt. Corona hat echt mächtig rein gehauen und nun steht das Sommerloch vor der Tür. Das kann ja noch lustig werden.
Ich räume auf, geh mit dem Hund seine Runde und falle kaputt auf den Bürostuhl vor dem Rechner, lade die Bilder hoch, sortiere schon mal aus und bereite den nächsten Tag vor.

01:00 Uhr – Feierabend, endlich schlafen gehen. Gute Nacht.

Wer jetzt denkt ich möchte mich darüber beschweren oder jammern, weit gefehlt. Das liegt mir fern, es geht lediglich nur darum das man sieht wie es tatsächlich zugeht. Wie respektlos man behandelt wird und wie gleichgültig die meisten mit der Arbeit von freischaffenden Fotografen umgehen.
Die Kundin hat sich übrigens einen Tag später gemeldet, sie hätte es vergessen (ja klar, deswegen hab ich ja auch einen blauen Haken gesehen auf meine Nachricht. Ich bin ja auch bissel blöd.) Zum Shooting ist es natürlich auch nicht gekommen, wie erwartet.
Wer also glaubt das wir Fotografen und Kreativen immer die fette Kohle verdienen, weit gefehlt und nein, auch wir müssen unsere Kosten decken, wollen etwas essen und Urlaub hatte ich persönlich seit über 20 Jahren keinen.

Vielleicht regt es den einen oder anderen doch mal zum Nachdenken an bevor er eine Anfrage für ein Fotoshooting schickt.